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Föderalismus der Streaming-Anbieter

Nachdem vor kurzem schon die Ministerpräsidenten der Bundesländer das Hohelied auf den Föderalismus gesungen haben, und dafür zu Recht kritisiert wurden, machen es die großen Contentproduzenten jetzt nach. Konzerne wie Disney verabschieden sich von Netflix und machen ihre eigene Abo-Platform auf. Der geneigte Zuschauer/Konsument muss also in Zukunft immer mehr Abos abschließen um seine Lieblingsfilme und Serien sehen zu können. Das dass kein guter Trend ist, muss sicher nicht noch extra betont werden. Aber erschreckend daran ist nicht nur die allgemeine Tendenz, sondern auch die Reaktionen darauf. Die beschränken sich nämlich weitestgehend auf “Dann saug’ ich halt Illegal. Dann merken die schon was sie davon haben!” Und während die Analyse, warum diese Tendenz schlecht ist, richtig ausfällt sind Schlussfolgerungen wie die eben genannte nicht nur kurzsichtig sondern gehen grundlegend in die verkehrte Richtung.

Abgesehen davon, dass es überaus unwahrscheinlich ist, dass die Anbieter “merken, was sie davon haben” – wäre es nicht viel sinnvoller, wenn es Leute gäbe, die Gesetze erlassen könnten, die die Anbieter zur Interoperabilität zwingen würden? Nennen wir diese Leute spaßeshalber “Politiker”. Diese könnten ein Gesetz erlassen, dass alle Anbieter verpflichtet, eine offene API anzubieten, über die man ihren Content kaufen oder leasen kann, und mit allen anderen Anbietern, die das wünschen, entsprechende Verträge/Peerings einzugehen. Und bei der Gelegenheit kann man gleich noch eine äquivalente Verpflichtung für die Socialmedia-Anbieter mit rein schreiben!

Alle FDP-Wähler und Teile der CDU (dazu zählt auch die SPD) werden jetzt schreien: “So eine Regulierung geht zu weit! Das schadet unserer Wirtschaft!” Halt das Standardargument derer, die erst den Mund aufmachen bevor sie denken. Sonst würden sie ja vielleicht merken, dass alle großen Socialmedia- und Contentanbieter in den USA sitzen und “unsere Wirtschaft” davon eigentlich nur profitieren könnte! Und für alle anderen, die ebenfalls immer noch der Meinung sind, dass das nicht geht, machen wir jetzt ein kleines Gedankenexperiment!

Wir stellen uns vor, dass es im Internet kein Peering zwischen den einzelnen Netzen und ISPs gäbe. Dann müsste ein Telekomkunde auch noch einen Vertrag mit Vodafone machen, wenn er Inhalte von Servern in deren Netz abrufen will. Und wenn der Betreiber dieser Server plötzlich zu Unitymedia wechselt, braucht der gebeutelte Telekomkunde auch noch einen Vertrag (mithin also ein Abo) mit Unitymedia!
Klingt absurd? Wäre es wohl auch. So absurd, dass die Netzbetreiber – in den meisten Fällen – gar nicht erst dazu gezwungen werden müssen, Peerings einzugehen.

Wenn also die Contentanbieter dazu gezwungen werden müssen – warum nicht? Ist ja nicht so, als gäbe es ein Naturgesetz, dass diese Anbieter machen dürfen, was sie wollen. Viele Leute scheinen sich schon so daran gewöhnt zu haben, in einer Demokratie zu leben, die bestimmte Strukturen aufweist, dass ihnen nicht (mehr) bewusst ist, dass Demokratie sich nicht darauf beschränkt alle vier Jahre zwei Kreuze auf einem Wahlzettel zu machen!
Demokratie meint “Herrschaft des Staatsvolkes”! Und wenn das Staatsvolk sich nicht länger von den Socialmedia- und Contentanbietern gängeln und ausbeuten lassen will, dann ist es nicht nur legitim, sondern vielmehr angebracht – ja, erforderlich – das zu fordern und letztlich in Gesetzesform zu gießen!

Und was den Faible unserer Ministerpräsidenten für Föderalismus angeht, so sollten sich diese mal klar machen, dass das Staatsvolk aus mehr besteht als nur den Einwohnern ihres jeweiligen Bundeslandes. Und das “Konkurrenzfähigkeit” beim Thema Bildung – und darum geht es denen augenscheinlich nämlich – nicht nur absurd ist, sondern zum Schaden für alle Bürger.
Der Föderalismus – nicht nur im Bildungssektor – wurde von den Alliierten (wieder) eingeführt, als Lehre aus der Nazizeit. Es sollte damit eine “zu Missbrauch verleitende Machtkonzentration” verhindert werden. Nun ist aber diese Gefahr heute nicht mehr gegeben. Unter anderem, weil der (Rechts)populismus heute dank der Digitalisierung, mehr Möglichkeiten hat, als ein Bildungssystem unter Kontrolle des Bundes jemals bieten könnte. Wir haben also keinen Vorteil mehr vom Bildungsföderalismus, dafür aber jede Menge Nachteile!
Aber dazu wollte ich eigentlich gar nicht so viel schreiben. Denn das hat Richard David Precht schon getan, der ein ganzes Buch zu dem Thema heraus gebracht hat: “Anna, die Schule und der liebe Gott

Also: statt illegal zu saugen, beschwert euch mal lieber bei eurem Abgeordneten darüber! Die meisten von denen sind durchaus offen für Argumente und bei weitem nicht so abgehoben und ignorant wie die Spitzen der etablierten Parteien!

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